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Spaltensturz: SAC Bern rettet Bergsteiger mit Flaschenzug aus Gletscherspalte

Hochtour zu den Walliser Zwillingen Pollux 4089 m und Castor 4223 m, 19./20. Juni 2026

Was wie eine reisserische Blick-Schlagzeile klingt, wurde für uns Realität. Dass uns die Hochtour am 19 und 20. Juni 2026 auf Pollux (4’089 m) und Castor (4’223 m) noch lange in Erinnerung bleiben würde, war spätestens beim Debriefing in Zermatt klar. Bei einem kühlen Bier sprachen einige von einer «Life Changing Experience», andere hatten vor Dankbarkeit Pipi in den Augen. Doch der Reihe nach.

Der SAC Bern zählt über 7’500 Mitglieder und wir vier durften mit Christian auf diese Tour in den Walliser Alpen. Was für ein Privileg! Schon bei der Begrüssung frühmorgens im Zug war klar, dass die Chemie stimmt.

Tag 1

Auf dem Klein Matterhorn trafen wir auf eine surreale Szenerie: Zwischen Restaurant Gästen montierten wir unsere Hochtourenausrüstung, während draussen Skifahrer am Bügellift hingen, obwohl es unten in Zermatt 30 Grad warm war.

Angeseilt führte uns der Weg über den Breithornpass Richtung Schwarztor. Zahlreiche Gletscherspalten sorgten stellenweise für beinahe akrobatische Verrenkungen.

Für den Aufstieg zum Pollux teilten wir uns in zwei Seilschaften auf. Die Schlüsselstelle am SE-Grat forderte uns einiges ab, besonders weil das Wetter umschlug und ein kühler Wind sowie erste Regentropfen aufkamen. Wir erreichten den Pollux und beeilten uns, da sich die Gewitterzelle immer mehr aufdrängte, bis es schliesslich hagelte. Zugegeben, es war ungemütlich, aber das verdrängt man im Nachhinein gerne. Ich erinnere mich an die Worte eines Bergführers: «Abseilen ist immer die längste Option.» Er sollte recht behalten, abklettern war aber stellenweise schlicht zu gefährlich. Erst spät erreichten wir die Ayas-Hütte.

Eigentlich war vor dem Abendessen noch eine Spaltenrettungsübung geplant. Darauf verzichteten wir – eine Ironie, wie sich am nächsten Tag zeigen sollte.

Gegen 21.00 Uhr kam noch eine Gruppe ins Zimmer, die das Fenster schloss. Falls dieser Text ein breiteres Publikum erreichen sollte, möchte ich hier festhalten: Es ist verboten, das Fenster zu schliessen, wenn 16 Personen im Raum schlafen. Danke für die Kenntnisnahme. 😉

Tag 2

Um 03:50 Uhr war Tagwache. Beim Frühstück entdeckte ich zwei Cakes auf dem Buffet und fragte mich: Was geschieht jetzt? Schmiert man sich Butter und Käse aufs Cake? Es waren unterschiedliche Strategien zu beobachten, unser Grüppli blieb mehrheitlich beim Müesli.

Im Licht der Stirnlampen starteten wir um 05:00 Uhr Richtung Castor. Wir erreichten zügig das Zwillingsjoch und folgten der Spur. Vor dem ausgesetzten Grat mussten wir noch eine Flanke hinaufpickeln. Ich fühlte mich wie einer dieser Profi-Alpinisten aus den Instagram-Reels.

Vor dem Grat höre ich mich zu Lukas sagen: «Ich übernehme den Lead, OK?» Er stimmte sofort zu. Für mich war es sehr emotional, dass mir jemand, der quasi fremd war, mir sein Leben anvertraute. Oben angekommen, umarmten wir uns und gratulierten einander. Die Tränen konnte ich nicht mehr zurückhalten, und die Aussicht belohnte uns für sämtliche Strapazen.

Bei der Rückkehr brannte die Sonne auf den Gletscher. Der weiche Schnee trug uns nicht mehr, und wir sanken bei jedem Schritt bis zur Hüfte ein. Das geht an die Pumpe, ich sage es dir. Irgendwann fragte ich Christian, ob man fluchen dürfe. Er meinte ja, was ich dann auch tat – aber nur leise, versteht sich.

So, jetzt kommen wir zu der Story, worauf alle warten: Auf dem Rückweg, ca. 12:15 Uhr, befreiten wir einen Bergsteiger, der rund 10 Meter tief in einer Gletscherspalte hing und das bereits seit eineinhalb Stunden.

Mit einem Flaschenzug konnten wir ihn innert 17 Minuten aus der Richtung herausziehen, aus der er eingebrochen war. Wir waren alle sehr geflasht von diesem Ereignis. In Kursen lernt man, wie es theoretisch wäre. Wenn dann statt dem Rucksack plötzlich ein echter Mensch gerettet werden muss, kickt das Adrenalin schon.

Wir lernten innert kürzester Zeit alle sehr viel. Beispielsweise dass mit einer 6 mm Rad-Line ein Selbstaufstieg fast ein Ding der Unmöglichkeit ist. Auch wenn Christian den Lead hatte, musste jeder von uns zum Gelingen beitragen. Selbstständiges handeln und seinen Job richtig machen war Voraussetzung.

Wer jetzt noch hungrig nach technischen Details ist, meldet sich am besten bei Christian. Wer eine dramatische Geschichte mit allen Einzelheiten hören will, darf sich gerne bei mir melden.

Was für zwei bereichernde Tage, ganz nach dem Motto: It is not the mountain we conquer, but ourselves.

Merci fürs Lesen und einen tollen Bergsommer.

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