
Schlussendlich entscheidet das Wetter – ein Expeditionsbericht
1966 war Paul Roth im 12-köpfigen Expeditionsteam der schweizerischen Yerupajá-Expedition. 60 Jahre später blickt er zurück auf dieses fast perfekt gelungene Abenteuer in Peru.
Bericht und Bilder von Paul Roth, Interlaken
Eine Idee nimmt Form an
Seit geraumer Zeit hatte der Grindelwaldner Bergführer Hermann «Mändel» Steuri den Plan, in die Tropengebirge der Anden Perus zu reisen. Er wünschte Land und Leute des Inkalandes und die Bergwelt kennen zu lernen. Und das in Begleitung seines Kunden, dem Industriellen Karl Merz, samt Sohn Walter Merz. Mit beiden war er seit Jahren befreundet. Steuri wusste von der Berner Anden-Expedition 1965. Er kannte Ernst «Aschi» Schmied, Bergsteigerchef der Berner Anden-Expedition, gerade aus Peru zurück. Bei ihm holte sich Steuri Informationen.
Eine Rechnung ist noch offen
Im Gespräch zwischen Steuri und Schmied in Grindelwald wurde Letzterer erneut vom Reisedrang gepackt. Ergebnis: Zehn Jahre nach seiner Zweitbesteigung des Mount Everest am 23.05.1956, zusammen mit Jürg Marmet, und ein Jahr nach der Berner Anden-Expedition 1965 zog es Ernst Schmied nochmals in die Anden von Peru. Dort war noch «eine Rechnung offen». Denn das Hauptziel Yerupajá Grande (6634 m) konnte 1965 wetterbedingt nicht erreicht werden.
12-köpfiges Expeditionsteam
Durch bereits bestehende persönliche Kontakte setzte sich die Mannschaft wie folgt zusammen: Hermann Steuri mit seinen Kunden Karl und Walter Merz, Ernst Schmied, Dr. med. dent. Rudolf Debrunner, Dr. med. René Gürtler sowie die in Peru arbeitstätigen Jost Felber, Theo Marti, Paul Roth, Hanspeter und Menk Rychen sowie Ernst Schill.
Wenige Akklimatisierung an die Höhe
Tage nach Ankunft in Lima verabschiedeten sich Hermann Steuri, Karl und Walter Merz sowie Rudolf Debrunner zu einer separaten Akklimatisierungswoche via Churin und Quiches hinauf zur Mine Raura auf 4700 m in der Cordillera Raura. Im Gebiet mit einigen schönen Fünftausendern wird in beachtlichem Umfang Kupfer, Blei, Silber und Zink gefördert. Die Woche war ein Erfolg, mit Besteigung der Berge Patron Norte 5250 m und Patron Sur 5200 m.
Akklimatisierung kulturell
Nachdem sich die komplette Mannschaft in Lima eingefunden hatte, gings am 25. Mai auf einer unvergesslichen Autobusfahrt Richtung Expeditionsgebiet Cordillera Huayhuash: Morgens um 3 Uhr erwarteten wir vor unserem Hotel den Autobus. Um 5 Uhr traf er ein. Anschliessend sammelte der Chauffeur während weiteren 3 Stunden in verschiedenen Quartieren Limas weitere Passagiere ein, bis wir die Hauptstadt endlich verlassen konnten. Nach einer zwölfstündigen Fahrt erreichten wir um 20 Uhr Chiquián auf 3560 m, Ausgangspunkt der Expedition. Die damaligen Strassen sind eben nicht zu vergleichen mit dem heutigen guten Strassennetz von Peru.
Auf zum Basislager
Der dreitägige Marsch von Chiquián zum Basislager bei der Lagune Solterahancacocha in 4100 m war ein besonderes Erlebnis. Insgesamt 23 Tragtiere transportierten unser umfangreiches Ausrüstungs- und Küchenmaterial über Stock und Stein. Das Material wurde zuvor für die Tiere in tragbare Lasten aufgeteilt. Während des Marsches lockerten sich die Traglasten immer wieder und die Arrieros (Treiber) hatten alle Hände voll zu tun, die Lasten wieder festzuzurren. Auf steilen Saumwegen führte die Route vorerst hinab zum Fluss Pativilca auf ca. 2600 m. Dann wieder bergwärts nach Llamac und zum kleinen Weiler Pocpa, 3470 m. Am zweiten Tag gings weiter aufwärts in den Bereich der Alp Pallca auf ca. 4100 m. Das letzte Teilstück führte steil hinauf zu einem Pass in etwa 4800 m. Dort überraschte uns das umwerfende Panorama der gewaltigen und wunderschönen Berge der Cordillera Huayhuash: Yerupajá (6634 m), Jirishanca (6094 m), Rasac (6040 m), Rondoy (5870 m) und andere. Ein steiler Abstieg führte dann zur Lagune Solterahancacocha und zu unserem Basislagerplatz in 4100 m.
Lager I und II werden eingerichtet
Die folgenden drei Wochen galten den Bergen, mit dem Yerupajá Grande als Hauptziel. Sukzessive erfolgte der Aufbau von Lager I (4800 m), Lager II (5300 m) und des Materiallagers in der Randkluft der Yerupajá-Westwand/Südgrat (6100 m). Mit dem Vorstoss einhergehend erfolgte auch die stufenweise Akklimatisierung an die unterschiedlichen Höhenlagen. Und gleichzeitig erfolgten Besteigungen umliegender Berge.
Yerupajá Sur statt Grande
Infolge wiederholter Wetterwechsel blieb uns der Yerupajá Grande nach 1965 zum zweiten Mal verwehrt. Zwei Seilschaften schafften es auf den Südgipfel Yerupajá Sur 6515 m. Zudem gelangen einige weitere sehr schöne Besteigungen, teils mehrfach: Rasac Norte, 5247 m, Rasac Central, 5617 m, Rasac Grande 6040 m, Jahua Este, 5036 m, Huacrish Norte, 5167 m, Nevado Tam Sur, 5545 m. Zurück in Lima am 25. Juni 1966.
Ein unkonventionelles Handgepäck
In Erwartung der Ankunft von Hermann «Mändel» Steuri mit seinen Gästen Karl und Walter Merz war ich auf der Zuschauerterrasse des kürzlich eingeweihten neuen internationalen Flughafens von Lima. Nach der Landung der imposanten Super VC-10 der BOAC rollte das Flugzeug von der Landebahn auf das Vorfeld. Die Flugzeugtreppe wurde an das Flugzeug angeschoben und schon erschienen die ersten Passagiere. Und schliesslich auch der Grindelwaldner Bergführer. Und wie! Den Arm zum Gruss erhoben, schwang er seinen BHEND-Eispickel in der Hand. Was für ein Bild und was für eine Freude! Anmerkung: Mit Eispickel in der Hand ins Flugzeug einzusteigen war in den 1960er Jahren kein Hindernis und nicht der Rede wert …


Indiofrauen bei der Arbeit auf dem Felde, die Spreu vom Weizen trennend; gesehen auf der Rückreise von der Yerupajá-Expedition 1966.

Rasac Grande, 6040 m, Ostwand, durch die der Aufstieg zum Gipfel führte.

Nevado Yerupajá Grande, 6634 m. Der Felszahn rechts vom Hauptgipfel ist der Yerupajá Sur, 6515 m.
