2000 Bergpanoramen von Gottlieb Studer digital zugänglich
Die Burgerbibliothek Bern hat über 2000 einzigartige Bergpanoramen und Skizzen aus Studers Nachlass digitalisiert und online zugänglich gemacht.
Als Panoramazeichner, Alpinist, genauer Beobachter und Verfasser von ausführlichen Tourenbeschreibungen leistete Gottlieb Samuel Studer ( 1804–1890 ) einen wichtigen Beitrag zur Erforschung des alpinen Raums, lange bevor moderne Karten, Luftbilder oder GPS existierten. Die teils bis zu drei Meter langen Zeichnungen entstanden zwischen 1819 und 1881. Sie erweiterten das Wissen über die Topografie der Alpen erheblich und dienten Alpinisten und Reisenden als unverzichtbare Orientierungshilfen – zu einer Zeit, als verlässliche topografische Karten erst im Entstehen waren.
Gottlieb Studers Leben
Studer wuchs in Bern auf. Nach seiner Ausbildung zum Notar arbeitete er im bernischen Justiz- und Polizeidepartement und amtete ab 1850 als Regierungsstatthalter. Als Burger und Angehöriger der Zunftgesellschaft zu Metzgern war er in zahlreichen burgerlichen Gremien tätig und setzte sich dort besonders für bedürftige Personen ein. Mit 62 Jahren beendete er 1866 – für die damalige Zeit unüblich früh – seine berufliche Karriere, um sich ganz seiner Leidenschaft zu widmen: der Erforschung und topografischen Aufzeichnung der Alpen.
Bereits als junger Mann erklomm er begeistert die Berge und hielt die überwältigenden Panoramen in Zeichnungen fest. Sein Hauptinteresse galt dabei weniger dem sportlichen Wettkampf als dem Erleben, genauen Beobachten und Erfassen der Berglandschaft.
Zwischen 1819 und 1881 fertigte er insgesamt über 900 grössere Panoramen an, die oft mehrere Blätter umfassten und teils bis zu drei Meter lang waren. Zu seinen beliebtesten Motiven gehörten die Schweizer Hochalpen, das bernische Hügelland und die Voralpen zwischen Genfer- und Vierwaldstättersee. Auch auf ausgedehnten Reisen ins Ausland hielt er Berglandschaften fest, etwa in Savoyen, Piemont, Wales, Tirol, Bayern sowie in Norwegen und Schweden. Dort zeichnete er nicht nur von Gipfelpunkten aus, sondern ebenso von Hotelbalkonen oder sogar aus dem fahrenden Zug.
Das Werk von Gottlieb Studer
Studers Panoramen zeichnen sich durch Genauigkeit und Detailtreue aus. Gipfel, Täler und Gletscher sind topografisch korrekt angeordnet, was seine Zeichnungen besonders wertvoll macht. Für die Betrachtenden waren sie anschaulich und funktional zugleich – eine Verbindung aus praktischer Orientierungshilfe, Wissenschaft und Kunst.
Der Alpinist Studer
Auch alpinistisch war Studer eine prägende Figur. Er gehörte 1863 zu den Mitgründern des Schweizer Alpen-Clubs SAC, amtete zehn Jahre lang als Präsident der Sektion Bern und blieb ihr später als Ehrenpräsident verbunden. Nach seinem Tod stiftete die Sektion ihm zu Ehren ein Denkmal, den Studerstein, am Rande des Bremgartenwaldes. Studer unternahm über 20 Erstbesteigungen und stand insgesamt auf 643 Gipfeln, wie er akribisch in seinem selbst angelegten «Verzeichnis der von mir erstiegenen Berghöhen über 1300 Meter» dokumentierte. Mit 81 Jahren erklomm er ein letztes Mal einen markanten Aussichtspunkt und hielt fest: «Trotz Alter und geschwächter Sehkraft bestieg ich am 16.9.1885 noch das Niederhorn bei St. Beatenberg.»
Seine Erlebnisse und sein Wissen über die Berge beschrieb er in zahlreichen Berichten und im vierbändigen Werk «Über Eis und Schnee», das zwischen 1869 und 1871 entstand und zu den grundlegenden Texten der frühen Alpingeschichte zählt. Die Gesellschaft für Erdkunde zu Berlin empfahl das Buch 1871 mit den lobenden Worten: «Jedem Reisenden, der Mut und Kräfte zu einer oft freilich nicht gefahrenlosen Besteigung der Bergriesen […] in sich fühlt, möchten wir Studers Wanderungen ‹Über Eis und Schnee› als unentbehrliches Vademecum empfehlen.»
Das Vermächtnis – digital zugänglich
Seine grosse Panoramasammlung vermachte Studer testamentarisch der SAC-Sektion Bern. 1981 gelangte der Bestand als Depositum in die Burgerbibliothek Bern, 2025 wurde daraus eine Schenkung. Im Gegenzug verpflichtete sich die Bibliothek, die Sammlung besser zugänglich zu machen. Seit Januar 2026 sind die Panoramen im Archivkatalog digital verfügbar. Der Nachlass umfasst nebst rund 870 grösseren Panoramen und 20 Skizzenbüchern mit etwa 1200 Zeichnungen auch umfangreiche Manuskripte, Korrespondenzen, biografische Notizen und sogar Gedichte. Zusammen zeichnen sie das eindrückliche Bild eines Mannes, der seine Leidenschaft für die Alpenwelt als Panoramazeichner, Reiseberichterstatter, Kartograf, Topograf und Bergsteiger dokumentierte und sein Wissen über die Berge so für weitere Entdeckungen verfügbar machte.
Ruth Stalder, Burgerbibliothek Bern
Der Beitrag erscheint in leicht abgeänderter Form auch im Medaillon, dem Magazin der Burgergemeinde Bern, Nr. 45/2026





