
Grand Saint Bernard – Die Spannweite von «Wenig Schwierig Plus»
Skitourentage am Hospice du Grand Saint Bernard, 27.-29. März 2026
Die Umgebung des Grand Saint Bernard stahlt Faszination aus. Nicht nur die lange, bewegte Geschichte des Hospice zieht einen an, sondern auch die Umgebung mit den vielen interessanten Tourenzielen und schroffen Gipfeln. So kommt die Ausschreibung mit WS+-Skitouren wie ein Geschenk.
Nur, jedes Geschenk bietet auch seine Überraschungen schon bevor es ausgepackt ist. Starke Schneefälle vor der Tour lassen alle Teilnehmer die Wetter- und Lawinenprognose studieren: Wo fällt der angesagte Schnee und wie hoch geht dieses Mal das Lawinenrisiko im Unterwallis? Letzteres startet hoch gegen Rot. Da die Schneefälle jedoch kleiner waren als angesagt, sinkt sie so rasch, dass es ausreicht, die drei geplanten Tage auf zwei zu verkürzen. Die Tourenleiter Miguel und Kurt entscheiden, dass wir die Tour wagen dürfen.
Trotz frühster Abreise in Bern kann man erst um halb zehn loslaufen. Das erste Ziel ist der Mont Tellier. Im Aufstieg wechselt der Schnee von Pulver zu leichtem Bruchharst. Wir denken, dieser kann sich ja noch entwickeln. Wegen der Länge des Aufstiegs zum Gipfel und der Aussicht, dass wir nach der Abfahrt noch zum Hospice aufsteigen werden, haben wir unterhalb des Gipfelaufstiegs die Gruppe geteilt: Die einen sind mit vielen anderen Tourengängern zu den Monts Telliers (2951 m) und die anderen zum etwas ruhigeren Col du Bastillon (2754 m) aufgestiegen. Beide Gruppen berichteten von schönen Pulverhängen. Doch danach im unteren Teil war der Schnee nicht mehr so einfach zu fahren: Stark verblasen und im Wechsel von hart gepresst zu gedeckelt. Langsam frischte auch die angekündigte Bise auf, so dass wir uns gut einpacken mussten. Solche Herausforderungen werden in der Schwierigkeitsskala zur Tour nicht abgebildet und führte dazu, dass eine erste Person, statt zum Hospice aufzusteigen, die Heimreise antrat.
Das Wetter liess uns nicht in Ruhe. Die ganze Nacht fegte die Bise ums Hospice und tiefhängende Wolken liessen am Morgen Flecken von Himmelsblau nur kurz erahnen. Schon wieder waren die Tourenleiter gefordert, die Situation richtig zu beurteilen. Die grundsätzlich gute Wetterprognose hat uns schliesslich erlaubt, die lange Tour über mehrere Pässe und dreifachem Anfellen anzupacken. Eine weitere Person hat sich dies nicht zugemutet und entschieden, direkt nach Bourg-Saint-Bernard abzufahren.
Auf italienischer Seite fuhren wir auf der Passstrasse und durch eine Galerie ab. Zwischen Wolken erhaschten wir Blicke auf die wunderbar verschneite Umgebung und freuten uns auf den Aufstieg zum Fenêtre d’en Haut. Oben angekommen war die Sicht wieder weg und Miguel führte uns dank GPS-Navigation im Schneckentempo, aber sicher, durch die Wolke hinunter zu den Lacs de Fenêtre, zu den weiteren Pässen und zum Einstieg des episch langen Tals Combe de l’Â. Der Schnee war mehrheitlich einladend pulvrig, die fast blinde Fahrt aber wesentlich anspruchsvoller als eine Schönwetter-WS-Route.
Doch weiterhin öffneten sich kurzeitig die Wolken und liessen uns von Pulverfahrten träumen. Erst im untersten Teil des Combe de l’Â riss es definitiv auf und wir konnten zurückschauen, welche Hänge zu Pulverschnee eingeladen hätten und wir stattdessen im Entengang meistern mussten. Wir genossen bei guter Sicht die letzten Höhenmeter bis nach Liddes. Die Stimmung in der Gruppe wechselte definitiv von konzentriert und angespannt auf erleichtert bis hin zu begeistert.
Wir waren beeindruckt von dieser sehr abwechslungsreichen Tour und wünschen, sie noch einmal, aber bei guter Sicht, zu machen. Diese Tour hat uns zudem vorgeführt, wie stark das Wetter mit Wind und Nebel die Herausforderungen verändert. Wir danken den Tourenleitern Miguel und Kurt für ihre fundierten und guten Entscheide, welche uns diese Erfahrung ermöglicht haben.
Tourenleiter: Miguel Anjo, Kurt Fellinger
Tourenbericht: Jürg Schlatter
Bilder: Diverse













