
Eine strahlende Frühlingswanderung mit einem dunklen Schatten
Sonderbundsweg von Sins nach Gisikon, Veteranen-Tour vom 16.04.2026
Unser Leiter, Oskar Stalder, trug diesmal nicht nur eine Landkarte mit sich, sondern ein ganzes Dossier mit historischen Unterlagen. Die Frühlingswanderung nahm ihren Anfang im Restaurant Löwen in Sins, Kanton Aargau. Diese Ortschaft war im Soderbundskrieg 3.-29. November 1847 sowohl Angriffsziel als auch Armee-Hauptquartier. Unsere Gruppe überschritt anschliessend, unterhalb des Bahnhofes, die alte, überdachte Reussbrücke und versammelte sich jetzt auf der Seite des Kanton Zug. Wir bestaunten die mächtige Holzkonstruktion, während Oskar seine Unterlagen öffnete und uns in das Geschehen an diesem Ort einführte: 1847 hatte die Eidgenössische Tagsatzung beschlossen, die Schweiz politisch umzugestalten. Die sieben Kantone UR, SZ, UW, LU, ZG, FR, AI verweigerten die Teilnahme und schlossen, nach Übergriffen durch bewaffnete Freischärler aus anderen Kantonen, einen Sonderbund zu ihrer Verteidigung und ernannten den protestantischen Bündner Salis-Soglio zu ihrem General. Beide politischen Seiten radikalisierten sich immer mehr, was im November 1847 zum Krieg führte. Henri Dufour aus Genf, bekannt durch die Erstellung der ersten Landkarte der Schweiz und Militärfachmann, wurde von der Tagsatzung beauftragt, den Sonderbund militärisch aufzulösen. Nach dieser Einführung ins Thema der heutigen Tour verliessen wir das Zuger Reussufer und die vielen historischen Tafeln und wanderten auf aargauischem Boden südwärts, auf der alten Landstrasse. Ich stellte mir vor, wie sich hier, noch in der Dunkelheit der Nacht vom 29. November 1847, die Truppen Dufours, schwer bepackt, vorwärts gequält hatten, um die noch verbliebenen fünf Kantone des Sonderbundes zur Einlenkung zu zwingen. Freiburg und Zug hatten bereits kapituliert.
Der Gegensatz zwischen damals und dem heutigen Tag könnte nicht grösser sein. Nach einem leichten Aufstieg (Punkt 425) bei strahlendem Wetter konnten wir die Sicht auf die blühenden Frühlingsfelder und die Innerschweizer Alpen geniessen. Nur der Pilatus gab sich an der Spitze bedeckt, und das würde so bleiben bis am Abend. Nach ca. einem Kilometer querten wir bei Beugen (Pt 402) auf die östliche Seite des Bahngleises und erreichten den Bahnhof Oberrüti, der rund einen Kilometer vom westlichen Ufer der Reuss entfernt liegt. Auf der flachen Ebene, zwischen dem Dorf und dem Fluss, befinden sich die Reuss Höfe, eine landwirtschaftliche Siedlung mit einem altertümlichen Speicher. Es bot sich ein absolut friedliches Bild, das auf keine Weise zu den historischen Ereignissen passte. Wir bogen ab nach Osten, zum Reuss Damm, wo weitere, interessante Informationstafeln auf uns warteten. Dieses Gebiet war im 19. Jahrhundert sumpfig und unpassierbar gewesen. Die Reuss mäanderte an dieser Stelle stark und sorgte regelmässig für Hochwasser. Erst 1911 wurde nach einer katastrophenhaften Überschwemmung, beschlossen die Reuss auch hier einzudämmen. Die historischen Tafeln weisen an dieser Stelle auf ein von Armut und zwei Hungersnöten geprägtes 19. Jahrhundert hin.
Nach kurzer Rast und Weitermarsch auf dem Reussdamm überquerten wir den Fluss bei der heutigen Eisenbahnbrücke auf das Gebiet des Kanton Zug und marschierten auf dem östlichen Uferweg weiter. Ein kurzes Sumpfgebiet konnten wir auf einem Holzsteg überqueren.
Bei der Abzweigung Richtung Berchtwil (Pt 405) erklärte uns Oskar, dass Dufour an diesem Punkt in der Nacht vor dem 29. November eine Ponton Brücke bauen liess. Seine Truppen konnten am Morgen weitgehend unbemerkt auf Luzerner Boden hinüber wechseln. General Salis-Soglio hatte jedoch den Ansturm von Dufours Armee von aargauischem Boden auf die Brücke von Gisikon erwartet. Zur Mittagszeit erreichten wir über Berchtwil die Ortschaft Rotkreuz, einen Bahnknotenpunkt. Zu meiner Kindheit waren dort die Bahnschranken bis zu 14 Stunden am Tag geschlossen. Im Seniorenheim Drei Linden wartete ein geschmackvolles Mittagessen auf uns.
Gut gelaunt und frisch gestärkt stiegen wir anschliessend dem Chüntwilerbach entlang, an grasenden Ziegen und grünen Wiesen vorbei, auf den Honauer Hügel zum Mattenhof Pt. 494. Oskar entfaltete hier wieder seine interessanten historischen Unterlagen. Wir waren unbemerkt plötzlich mitten im Gelände der damaligen Verteidigungsanlage der Sonderbundtruppen und somit auf dem Schlachtfeld angelangt. Dufours Infanteristen erstürmten hier im Pulverdampf der Kanonen „unseren“ friedlichen und sonnigen Hügel von einer völlig unerwarteten Seite. Die Sonderbundskantone kapitulierten und im folgenden Jahr wurde durch eine Kommission, bestehend aus Vertretern aller Kantone, innert nur 52 Tagen die neue Bundesverfassung nach amerikanischem Vorbild erstellt. Sie gilt, mit einigen Änderungen, noch heute. Der Krieg forderte knapp 100 Tote und 500 Verletzte. In Gedanken versunken nahmen wir den Abstieg nach Gisikon in Angriff und kamen an der prallen Sonne doch noch etwas ins Schwitzen.
Im Gasthaus Wilhelm Tell genehmigten wir uns unseren Schlusstrunk. Diese Tour, zwischen beschaulicher Frühlingswanderung und bedrückenden historischen Begebenheiten, wird uns noch lange in Erinnerung bleiben.
Leitung: Oskar Stalder
Teilnehmende: Susanne Hedinger, Kurt Helfer, Annemarie Helfer, Ueli Mühlemann, Walter Ruch, Hans Remmele, Peter Reubi, Heinz Kaderli, Bruno Crameri, Margrit Brügger, Peter Zumbrunnen, Doris Hulliger, Renato Panizzon, Gerda Rohrer, Rudolf Vogt.
Tourenbericht: Peter Zumbrunnen
Fotos: Walter Ruch, Peter Zumbrunnen
Bild: Schweizerisches Nationalmuseum, LM-144871c, Lithograf J. Bachmann, um 1847, Gisikon im Sonderbundskrieg
PS: Zum Bild des Sonderbundskrieges ist auf der Webseite von „Wege zur Schweiz“ zu lesen: Die Bilder des Sonderbundkrieges sind oft keine brutalen Kriegsdarstellungen. Vielmehr zeigen sie eine Ordnung, wie sie von Dufour gewünscht war, und sollten im Nachhinein eine ideale Komposition wiedergeben. Die Lithografie von J. Bachmann zeigt eine etwas willkürliche Zusammenstellung des Gefechts um die Brücke von Gisikon.
Die Rauchschwaden stammen entweder von Bränden oder vom Pulverrauch. Aufgrund des damals verwendeten Schwarzpulvers entstand der Rauch nämlich dort, wo geschossen wurde. Das raucharme Pulver wurde erst Ende des 19. Jahrhunderts eingeführt. Dufours Truppen sind jene mit den auffälligen Schweizerfahnen. Jene des Sonderbundes sind nur ansatzweise zu erkennen. Die Brücke diente in vielen Darstellungen als Orientierungspunkt und lässt sofort erkennen, um welches Gefecht es sich handelte.




