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Die Entdeckung der Trochanterschlinge

Ausbildungskurs Schritt für Schritt / Einstieg in Skihochtouren im Alpincenter Sustenpass / Tierberglihütte vom 21.-25. März 2022

Gut gelaunt treffen sich am Montag, 21. März 2022 in Meiringen die sechs
Kursteilnehmenden und die Leiter Mischu Wirth, Bergführer und Technischer Experte
des SAC Bern und Tourenleiter Alex Willimann. Die Sonne scheint – und sie
verspricht, die ganze Woche zu scheinen, wie alle verfügbaren Wetterberichte es
prognostizieren.

Ausbildungsbeginn mit Trochanterschlinge
Nach einem gut einstündigen Aufstieg beziehen wir das Lager und die Zimmer und
alsbald geht es an den ersten Ausbildungsblock, nämlich Seilkunde und die
relevanten Knoten. Das ist schneller gesagt/geschrieben, als ausgeführt. Dazu
gehört auch die Materialkunde mit einer kurzen und einer längeren Prusikschlinge.
Die längere benötigt man für einen Selbstaufstieg nach einem Spaltensturz. Diese
Schlinge muss bis zum Oberschenkelknochen reichen – für die beiden Mediziner in
der Gruppe ist das der Trochanter, so dass diese Schlinge nun in Zukunft
Trochanterschlinge heisst und dieser höchst sinnvolle Name vielleicht in Zukunft
einmal vom SAC Bern aus weitere Verbreitung findet.

Nach einer Pause kommt die Tourenplanung an die Reihe. Die zwei relevanten
Fragen sind relativ einfach und schnell gestellt: Was brauche ich für Informationen,
um eine Tour sorgfältig vorzubereiten und woher beziehe ich diese Angaben? Nach
dem theoretischen Teil planen wir in Zweiergruppen konkret die Tour vom Dienstag
und entscheiden uns für die Fünffingerstöcke.

Die erste Steilstufe hinter dem Alpincenter hat zwar durchgehend Schnee, der am
Morgen aber hart gefroren ist. Wer noch etwas wackelig auf den Skis steht bei
Spitzkehren, weiss, dass hier noch Optimierungspotential besteht. Die Sonne
scheint, doch haben wir die Rechnung ohne den recht frischen Wind gemacht. Wir
sind schneller unterwegs, als geplant und pausieren auf dem Gipfel etwas länger. So
hat die hungrige Dohle auch genügend Zeit für ihre Start- und Landeübungen: Recht
schnell getraut sie sich, Mischus mit Kappe bedeckten Kopf anzufliegen und –
schwupp – eine darauf positionierte Nuss abzutransportieren. Nach dem Abflug der
Dohle erfolgt nun unsere Skiabfahrt im Sulzschnee.

Eine kleine Retablierungspause muss sein, bevor es am Nachmittag weiter geht mit
einem weiteren Ausbildungsblock rund um das grosse Thema der Spaltenrettung.
Die Tourenplanung für den nächsten Tag folgt anschliessend. Wir werden am
Mittwoch zur Tierberglihütte aufsteigen.

Tierberglihütte und Gwächtenhorn Westgrat
Die Sonne am Himmel begrüsst uns auch am Mittwoch morgen. Allerdings ist der
Aufstieg zuerst voll im Schatten und der fiese Wind bläst immer noch. Bis zur
Steilstufe unter dem Eisabbruch geht alles bestens. Bereits sind wir im ersten Drittel
des Steilhangs und merken jetzt definitiv – teilweise mit etwas erhöhtem Puls -, dass
der Schnee pickelhart ist und es vielleicht doch besser wäre, raus zu traversieren
und am Rande mit aufgebundenen Skis aufzusteigen – Tritte hatte es ja schon. Ohne
weitere Schwierigkeiten erreichen wir die Tierberglihütte.

Am Nachmittag simulieren wir einen Spaltensturz, indem die vordere Person am Seil
über eine Kuppe direkt und gerade in einen Steilhang fährt und die hintere Person,
ebenfalls auf Skis, den Sturz bremst und hält. Und es hält wirklich, auch wenn die
vordere Person ein paar Kilos schwerer ist. Und wer vorne am Seil Schiss hat, sich
nicht getraut und statt gerade in den Steilhang zu fahren nur abrutscht oder einen
Bogen macht, der kann grad nochmals von vorne beginnen. Der Wind begleitet auch
diesen Ausbildungsteil und sorgt für ziemlich reale Bedingungen…. Zur Vorbereitung
auf die morgige Tour widmen wir uns auch noch dem Führen / Gehen am kurzen Seil
und nutzen das Übungsgelände hinter der Hütte.

Zurück in der warmen Gaststube der Hütte planen wir die morgige Tour – das
Gwächtenhorn über den Westgrat.

Am Donnerstag ist es oh Wunder und Gott sei Dank fast windstill und wir steigen mit
den Fellen auf bis unter die Felsen. Dann werden die Skis aufgebunden und die drei
Seilschaften machen sich an die Kraxelei. Zuerst aber muss der Übergang vom
Schnee auf den Grat und in die Felsen geschafft werden. Und dann: Geht’s jetzt links
oder rechts durch? Wo und wie sichere ich? Wie klettere ich mit Steigeisen am
besten, ohne mit den Skis an den Felsen hängen zu bleiben oder den Kopf an den
aufgebundenen Skis der vorderen Person anzuschlagen? Wir kommen voran,
allerdings langsamer, als wir geplant haben. Zwischendurch wechseln wir in der
Seilführung, so dass alle vorsteigen können. Der Grat ist Gott sei Dank ziemlich
«gutmütig» in moderater Kletterschwierigkeit und nicht allzu ausgesetzt. Stolz
erreichen wir alle den Gipfel. Die Abfahrt ist zum Teil wirklich ruppig, zum Teil auch
etwas aufgesulzt und Richtung Steingletscher schon schwer.

Nach diesem langen Tag machen wir uns an Flaschenzüge und vor allem wird der
Selbstaufstieg geübt. Nach einem anfänglichen Härdöpfelsack-Gefühl baumelt auch
die Schreibende unter dem Dach, ohne dass ein Flaschenzug installiert werden
musste.

Üben und festigen – und Restbestände im Lunchsäckli
Am Freitag überlassen wir den geplanten Giglistock und die mutmassliche TraumSulzabfahrt anderen Tourengängern. Wir haben entschieden, dass ein halber Tag
Ausbildung sinnvoller ist. Und so werden Knoten und Flaschenzüge nochmals geübt
und gefestigt und die Reaktionsfähigkeit wird getestet, indem sich eine wagemutige
Person bis fast in den Bach stürzt und wartet, ob da oben doch mal eine
Pickelbremse den Sturz stoppe. Auch die eingangs erwähnten Spitzkehren werden
chefmässig analysiert und mit Handlungsanweisung optimiert.

Zuletzt beim Picknick und Pommes auf der Sonnenterrasse im Alpincenter stellen wir
unter viel Gelächter fest, dass wir unter uns auch Jäger und Sammler haben: Ein
angefangenes Portionen-Änggli hat seine Pflicht getan, nachdem es zusammen mit
dem Käse den weiten Weg von Bern zum Steingletscher, auf die Tierberglihütte, über
das Gwächtenhorn und wieder zurück in den Steingletscher überlebt hat…. jetzt
schmilzt es erschöpft von der Sonne, aber zufrieden mit sich leise aus dem
Lunchsäckli auf die Holzbank.

Und so gehen fünf für alle äusserst lehrreiche Tage zufrieden und ohne
Zwischenfälle zu Ende. Ein ganz grosses Merci bekommt Mischu, der uns immer
machen liess, so lange er es verantworten konnte und uns viel von seinem Wissen
und der praktischen Erfahrung mitgab. Das zweite grosse Danke geht an Alex, der
uns immer und jederzeit mit Rat und Tat zur Seite stand und half, dort wo es grad
nötig oder sinnvoll war.

Tourenbericht: Annette Althaus Stämpfli
Fotos: Alex Willimann
Kursteilnehmer: Corinne Aus der Au, Philipp Gubler, Elsa Hoessli, Felix Schlatter, Annette Althaus Stämpfli, Stefan Trabut
Leiter: Mischu Wirth, Alex Willimann

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